Moritat von Hermann Ludwig Gremlizas Tod

»Ein Kerl, den alle hassen – der muß etwas sein!«

– Goethe

»Everyone loves you when you’re dead.«

– Perkele

Als hätte er es geahnt. 1. Absatz von Gremlizas Expreß, konkret 12/2019: Gremliza kotzt über eine Sterbeanzeige ab.
Die Veröffentlichung der nächsten Ausgabe sollte er nicht mehr mitbekommen.

Am zwanzigsten Dezember 2019 verstarb Hermann Ludwig Gremliza, mein Vorbild und der Mann, der mein Mentor hätte werden können, der letzte der großen Zeit- und Sprachkritiker, der gefürchtete Essayist und Verreißer, Jünger Karl Kraus‘, die Feder, die die Schwerter der Bundesrepublik schlug.
Der Mann, der Chefredakteur des Spiegel hätte werden können, das aber nicht wollte.
Ich weine um einen Menschen, den ich nie kennen gelernt habe, und über den ich doch so viel weiß.
Er hat jede konkret besser gemacht, sein Konterfei zierte Jahrgänge von neunten Seiten, und seine Polemiken und Abrechnungen waren nicht zuletzt schuld daran, daß ich zu dem Antideutschen und Anarchokommunisten werden durfte, der ich heute bin. Mit Gremliza sterben, fürchte ich, die Träume davon, daß der Journalismus doch noch etwas leisten kann. Mit Gremliza stirbt konkret.
Die Antideutsche ist zerrüttet und verstreut, trotzdem hat Hermann Ludwig mit seinem Blatt geschafft, was Bahamas nie gelang – er war eine Stimme, auf die zwar im Allgemeinen nicht gehört wurde, die aber respektiert und gefürchtet wurde.
Jetzt können sie in den Redaktionen jede Scheiße machen, die sie machen wollen, ohne fürchten zu müssen, auf seinem Schreibtisch seziert zu werden.
Natürlich wäre er nicht ewig geblieben, aber er war immerhin ein Jahr jünger als mein Großvater, und der ist noch immer quietschfidel.
Fast schon gütig schaut er von dem Portrait über meinem Schreibtisch auf mich herunter. Privat und als Verleger muß er – Berichten nach – eine Seele von einem Menschen gewesen sein, genauso wie er im Blatt als weißer Hai unter den Kritikern auftrat.
Heute um 2 Uhr 38 bin ich losgeradelt, um eine Süddeutsche zu klauen, noch eine zu erwischen, in der der Nachruf auf ihn abgedruckt ist. Ich wollte unbedingt einen haben, hab mit viel Glück noch eine letzte Ausgabe im Zeitungsstuhl gegenüber vom Café Pano erspäht und mitgehen lassen.
Im Nachhinein läßt sich’s trefflich öffentlich auf ihn zurückschauen – müssen die Schmierfinken hier und überall doch seine Feder nicht mehr fürchten. Wer schon zu Lebzeiten zu seinen Verehrer*innen zählte, trauert umso mehr, und umso echter.

Author: tefkabh

Geboren irgendwann um das Millennium herum, links-Antideutscher, Kommunist, Antifaschist, Volksfeind (offiziell bestätigt durch die Nordkreuz-Gruppe), konkret-Leser, leider cis-männlich, dafür Feminist.

2 thoughts on “Moritat von Hermann Ludwig Gremlizas Tod”

  1. Lieber Tefkabh,
    habe gerade den link der Warenwelt verfolgt.
    Ja, Du hast Recht, es ist wahrscheinlich eine große Lücke, die sich auftut.
    HLG war schon, angeblich, seit einigen Jahren krank. Konkret ist trotzdem in meinen Augen nicht schlechter geworden. Kronau und Sokolowsky, um nur zwei zu nennen, sind sehr gute Journalisten. Bestimmt auf Deiner, sprich meiner Seite.
    Nichdestotrotz, mir geht es ähnlich. Ich bin auch sehr sehr traurig. Es hat mich, obwohl ich schon vor drei Jahren erschreckend darüber nachgedacht habe, letztendlich auch wie ein Hammer getroffe. Auf der Titelseite der jungen welt.
    Ich bin gerade dabei, dreissig Jahre Konkret -HLG Kolumne und Express zu scannen- eine ziemliche Arbeit.
    HLG ist nicht mehr hier auf der Erde, seine Schriften leben und werden weiterhin wichtig sein und noch einige Menschen berühren.
    Ich habe Ihn zweimal in Lesungen genossen. Einmal mit Hotte Tomayer, übrigens auch ein ganz Toller. HLG war sehr freundlich, als ich Ihn ansprach. Es war ein kurzes aber wohltuendes Gespräch. Es ging um Wilhelm Reich.
    Alles Gute
    Andreas

    1. Lieber Andreas,
      danke für deine Antwort, ich denke, du kannst dich zurecht glücklich schätzen, HLG noch persönlich getroffen zu haben. Ich habe von seinem Tod tatsächlich zuerst über die sozialen Medien erfahren, und dann den Nachruf in der Jüdischen Allgemeinen gelesen. Die akteuelle konkret-Ausgabe ist, denke ich, ein würdiges Denkmal für den größten Stilisten und schärfsten Kritiker der jüngsten deutschen Sprachgeschichte.
      Viele Grüße und alles Gute
      tefkabh

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