schreibblockade am samstag

Kann nicht schreiben
kann nicht denken
muß es aber
pech gehabt

Schreibblockade
wie sehr hab ich
dich vermisst
gehat gehabt

Also schreib ich
also denk ich
nur noch hirnverbrannten
scheiß

Denn ich weiß ja
und ich merk ja
daß ich heute gar nichts
weiß

Dieser bockmist
der geschrieben
steht auf diesem
grellen schirm

Replizirt doch
nur die leere die
heut herrscht in
meinem hirn

Originaltext: https://tefkabh.blackblogs.org/wp-content/uploads/sites/737/2019/01/schreibblockade-am-samstag.pdf

SNAFU

SCENE. INT. CA 23 UHR
Ein dunkles Arbeitszimmer. Licht einer Schreibtischlampe, die Ecken nicht mehr erreichend. Gerahmte, schemenhafte Portraitfotographien von Familienmitgliedern.

SNAFU, ein dem amerikanischen Militärslang des zweiten Weltkriegs entstammendes Akronym, heißt ausgeschrieben: Situation Normal, All Fucked Up, zu deutsch: Situation normal, alle(s) im Arsch.

Ich sitze im Arbeitszimmer meines Opas (väterlicherseits) und warte, bis der Laptop hochgefahren ist.
Wir sind ohne den Umweg über Daheim zu nehmen zu den anderen Großeltern gefahren, ebenfalls Weihnachten feiern. Etwa um Zehn sind wir hier angekommen (also, Zehn am Abend) und Tobi ist – nach Konsum seines Reisesedativums, damit er auf der Fahrt nicht zum Wasserspeier mutiert – sofort ins Bett gefallen und weggeratzt. Mama auch, und Papa sitzt mit Opa oben im Wohnzimmer und guckt Fußball. Oma geht früh schlafen, sie haben wir heute Abend noch gar nicht zu Gesicht bekommen.
Endlich hat der Computer geladen und ich starte den Viedochat-App. Es dauert ein paar Momente, dann erscheint erst ein grünes Hörersymbol auf dem Bildschirm und dann Renés Gesicht. Sie schaut müde aber glücklich aus.
»Hey! G’d evening, mate!«, sagt sie. »Oh, sorry. Ich bin schon zu lang hier.« Sie lacht.
»Guten Abend!«, antworte ich. »Keine Sorge, ich kann ja auch ein Biss’l Englisch.«
Pause.
»Wie geht’s dir?«, frage ich.
»Oh, du kannst dir gar nicht vorstellen, wie viel die hier Weihnachten feiern.«, sagt sie. »Also, am 25ten haben die Jungs alle um… keine Ahnung, sechs Uhr geweckt, weil sie nicht länger warten wollten, und dann mußten natürlich alle aufstehen und so und dann runter ins Wohnzimmer, Geschenke auspacken. Dann gab’s Weihnachtsfrühstück und so und am Abend den Turky…«
»Truthahn.«, schlage ich vor.
»Truthahn! Danke! Ich kann schon kein Deutsch mehr sprechen… Und hinterher noch Plumpudding, das ist… Den kannst du nicht essen! Das ist so viel… Naja, however, am Boxing Day sind wir dann die Verwandten besuchen gefahren, von Torquay nach London…«
»Das ist doch ein ganzes Eck.«, sage ich.
»Ja. Mein Gastvater hat gesagt, daß sie sonst immer die Großeltern in Nottingham besuchen fahren, aber daß sie das wegen mir ausfallen lassen, weil ich da nirgends übernachten könnte.«
»Netter Mensch.«
»Wirklich. Naja, und dann gab’s da wieder Geschenke und wieder essen, und dann sind wir zurückgefahren und dann kamen gestern die Verwandten aus Stratford-Upon-Avon und wieder so viel essen und dann schon wieder Silvester und jetzt…«
»…jetzt ist dir schlecht.«, sage ich und lache.
»Ja, so ziemlich.«, sagt sie grinsend.
»Ich hätte dir ’ne Flasche Magenbitter ins Carepaket tun sollen.«, sage ich.
Sie lacht. »Ja, den könnte ich jetzt brauchen. Oh, und weil du das grad erwähnst: ganz vielen Dank für dein Geschenk!«
Ich grinse dümmlich und werde vermutlich ziemlich rot. »Kein Ding… Äh… Freut mich, daß es dir gefällt!«
Wieder legt unser Gespräch eine Pause ein.
»Ich vermiße dich.«, sage ich dann.
Sie blickt auf die Tastatur. »Ich dich auch.«
In diesem Augenblick sieht sie so ungewohnt verletzlich aus, und ich möchte sie unbedingt in den Arm nehmen…
René schaut wieder hoch. Meine Augen werden feucht, ich spüre, daß ich weinen werde.
»Noch neun Wochen.«, sage ich mit erstickter Stimme.
»Neun Wochen.«, antwortet sie leise. »Ich vermiß dich auch.«

Originaltext: https://tefkabh.blackblogs.org/wp-content/uploads/sites/737/2019/01/SNAFU.pdf

Und wieder die Mischpoke…

SCENE. INT. CA 14 UHR
Ein großes Einfamilienhaus in den Bergen. Leichter Sprühregen. Die Berggipfel schwach eingeschneit, im Nebel verschwindend. Einige Passant*innen, spazieren gehend, sichtbar durch groß bemessene Fenster. Die Familie.

Bertolt Brecht schrieb einmal von einem Mann, der in der Trambahn gesagt haben soll »Der Unterschied zwischen einem Sozialisten und einem Menschen könnte größer nicht sein!«, worauf ein Handwerker neben ihm den Zollstock aus der Tasche genommen hätte und gesagt hätte: »Er beträgt genau einunddreißig Zentimeter.«
Wie recht er doch hat.

Ich sitze im Sessel im Obergeschoss der Altersresidenz meiner Großeltern (mütterlicherseits) und bin unzufrieden.
Einmal, weil ich René vermisse. Inzwischen haben wir wieder Kontakt und alles, ihr ist auch nix passiert, bloß ihr Handy war kaputt, und jetzt, da es wieder funktioniert, halten wir quasi jeden Abend trautes Beisammensein via Videotelefonie, aber das ist nicht dasselbe wie sie in Persona zu treffen.
Und dann, weil meine CSU-Großeltern mir auf die Nerven fallen. Ich kann es einfach nicht haben, wie sie mir ständig vorhalten, wie wichtig traditionelle Werte, Frömmigkeit und Vaterlandsliebe sind, wie sie ständig versuchen, das verlorene Schäflein zurückzutreiben in die Herde.
Auf der Fläche ihres Obergeschosses könnte eine vierköpfige Familie ein gutes Leben führen, ist das diese christliche Nächstenliebe? Ja. Die Armen haben mit den Almosen zufrieden zu sein, die eine gnädige Hand ihnen reicht, sie haben zu beten und nicht aufzubegehren, denn es ist der Wille des HERREN, daß sie arm sind.
Würg. Da kommt’s mir sauer hoch.
»Jan, kommst du bitte runter? Es gibt Kaffee.«, ruft Muttern.
Ich schwinge mich mit einem Seufzer aus dem Sessel, werfe Renés Foto einen letzten, wahrscheinlich ziemlich melodramatisch-wehleidigen Blick zu und schlurfe nach unten.
»Ach, da bist du ja.«, sagt Oma und wuselt um den Tisch herum. »Was magst du? Kaffee? Tee?«
»Ein paar aufs Maul?«, kräht Tobi vom Sofa runter.
Er ist bester Stimmung, weil ›Das Christkind‹, vulgo Opa, ihm einen Arduino geschenkt hat und er jetzt nach Herzenslust basteln kann.
»Tobias, bitte!«, mahnt Oma. Fehlt nur noch, daß sie den Zeigefinger hebt dabei. »Sei nicht immer so frech zu deinem Bruder!«
Ich lasse mich auf meinen Stuhl fallen. »Ich trink Kaffee mit, wenn noch wer welchen nimmt.«
Oma gießt also eine Runde Kaffee aus und dann sitzen auch schon alle bei Plätzchen und Dinkel-Vollkornstollen am Tisch.
Opa stellt die Unvermeidliche Frage: »Und? Wie geht’s dir in der Schule?«
Na, wie soll’s mir schon gehen, Opa? FUBAR, wie sonst?
»Ganz gut, soweit.«, sage ich. »Bio könnte besser sein…«
»Auf welcher Note stehst du da?«
»So..« Ich überlege. »Acht Punkte, glaube ich.«
»Was, nur? Da mußt du wirklich besser lernen, Jan. Acht Punkte in Bio… Das ist lernen. Nur auswendig lernen.«
Und wenn wir reden sacht er ›Junge, aus dir wird mal nich‘ viel!
Alles was du anfängst hörst du gleich wieder auf.
Du kannst doch so keine Familie ernär’n,
Du kriegst auch keine Frau.
Du mußt arbeiten, du mußt schuften so wie ich!
Aber ich, ich will nich‘ werden, was mein Alter ist, ne!
»Ja.«, sage ich und trinke einen Schluck Kaffee.
Ich darf nicht aufmucken. Wenn ich denen blöd komme, dann wirft Opa uns aus der Wohnung. Dann dürfen wir schauen, wo wir bleiben.
Es schellt an der Tür. Oma trippelt in den Flur, nachsehen, wer da kommt, aber es ist nur Tante Lisbeth, mit Plätzchen, die auch allen frohe Weihnachten wünschen will.
Oma bittet sie herein und schwuppdiwupp sitzt ein Rentner mehr mit Kaffeetasse am Tisch und klönt munter mit.
Das Thema hat sich glücklicherweise verschoben, auf Elektroautos und den Fortschritt, dem Opa noch immer der treuste Jünger ist.
»Und was möchstest du mal studieren, Jan?«, fragt Tante Lisbeth schließlich.
Das ist mal wieder typisch für diese Verwandtschaft. Der Opa hat studiert, der Pappa hat studiert, da muß natürlich auch der Filius studieren. Idealerweise Prof. Dr. med. Dr. rer. nat. Jan-Philipp Schierholt (ehm. von Wagenbrinck).
Dabei wollte ich eine ganze Weile eigentlich Buchhändler werden.
»Journalismus.«, sage ich kurz angebunden.
»Ah, ja, das kann ich mir gut für dich vorstellen. Du bist doch auch so gut in Deutsch.«, sagt sie.
»Japp.«, antworte ich.
Das Gespräch plätschert weiter, ohne meine Beteiligung, windet sich träge um die großen Zeitungen, fließt die Schlagzeilen entlang und fällt dann einen kleinen Wasserfall runter, als Opa auf die schlechte Berichterstattung im Lokalteil kommt.
»…haben doch neulich ein paar Asylanten den Christbaum auf dem Weihnachtsmarkt hier angezündet.«
»Was? Wirklich?« Tante Lisbeth ist angemessen schockiert.
»Ja. Einer soll ja auf der Polizei gesagt haben, daß er unsere christlichen Werte nicht akzeptieren will, daß er deswegen den Baum angezündet hat.«
Oder aber er hörte jemanden sagen, daß sie ›dahoam an Baam scho o’zündt‹ haben und dachte sich: ›Hey, das könnt ich doch auch machen, dann sehen die, wie integriert ich bin, dann komm ich endlich aus diesem verdammten Lager raus!‹
Aber nein, es müßen die bösen Kümmeltürken ja die christlich-abendländischen Werte ablehnen, weil sie rückständig, islamistisch und ›alles Terroristen‹ sind. Alles andere würde ja nicht ins Weltbild passen.
»Und dann hat die Lokalpresse auch nicht darüber berichtet, nur in einer Randspalte kurz erwähnt! Das ist doch Verblendung, daß sie da nichts drüber schreiben!«
Hätte ein Arier den Baum angezündet, es wäre keineswegs schlimm gewesen, wenn die Zeitungsnotiz in der Randspalte stünde.
»Das machst du dann besser, was, Jan?«, fragt Opa rhetorisch und lacht.
»Ja.«, sage ich. Ich werd gar nicht erst dazuschreiben, ob der Mensch jetzt Arier oder Neger war, wie du das so gern hast, ob er Christ war oder Muslim, Professor oder Plebejer. Weil mir nämlich scheißegal ist, was er ist, und weil ich gern verhindere, daß rassistische Snobs wie du die Menschen aufgrund längst überkommener Kategorisierungsschemata einen gewißen ökonomischen und sozialen Wert zuordnen. Bah! Das ist so was von widerlich!
»Ja.«, wiederhole ich langsam. »Ich mach das besser.«

Originaltext: https://tefkabh.blackblogs.org/wp-content/uploads/sites/737/2019/01/Und-wieder-die-Mischpoke.pdf

a cobra vai fumar

a cobra vai fumar

Entstanden im Grimm

Achtet das Leben!
Gehorcht eurem Gott,
er heißt euch alles Leben zu lieben!
Darum vernichtet,
wer das Leben nicht liebt!

Tötet die Raucher!
Straft sie mit Missachtung!
Sie lieben ihr Leben nicht!
Darum sperrt
sie in Gaskammern!

Also habe ich es sagen hören.

Fahrt eure Diesel!
Eure Ottomotoren!
Mißachtet die Fahrverbote, denn
sie schaden
der nationalen Wirtschaft! Doch:

Tötet die Raucher!
Denn Sie töten mit Gas.
Und wie ihr auch mit Gas tötet
Ihr dürft es.
Sie dürfen es nicht.

So werden die Forderungen lauter.

Schützt die Verfassung!
Nennt jedes Recht
einzeln beim Namen und beharrt
darauf dass sie
für euch gelten, doch nicht

Für die Raucher!
Sie verschwenden ihr Leben!
Sie sind nicht produktiv sondern
sie töten sich selbst!
Drum tötet Sie.

Tötet sie mit Gas!

Dies also ist der neue Kurs.

Originaltext: https://tefkabh.blackblogs.org/wp-content/uploads/sites/737/2019/01/a-cobra-vai-fumar.pdf

Dieses Gedicht entstand spontan als Reaktion auf die Aussage eines Komilitonen, man möge bitte „die Raucher alle in die Gaskammern sperren und da schön verrecken lassen“. Diese Aussage eines selbsterklärten ‚aufgeklärten Demokraten‘ im Jahre 2019 rechtfertigte der gute Mann mit den Worten, die Raucher seien alle kriminell, weil sie die Menschen in Ihrer Umgebung durch die Verbreitung giftiger Gase töteten. Auf die Frage, wie es mit Autofahrer*innen aussehe, antwortete er nicht.
Dies führt zu dem folgenden Schluss: Für diesen selbstdeklarierten Vertreter der bürgerlichen, neokonservativen Gesellschaft ist a) Massenmord ein legitimes Mittel und b) Menschen durch das Rauchen einer Zigarette zu töten illegal, durch die Abgase, die das Fahren eins 12-Liter-Diesel-Klassenkampfpanzer verursacht, allerdings legal. Willkommen im Land der Krauts, das noch immer solche Söhne und Töchter birgt!

verschwendemeinejugend

Dies ist der erste Beitrag im Jahr 2019.

Ich bin, das darf ich ganz offen sagen, kein Großer Dichter Vor Dem Herren. Mein Stil, ein Gedicht zu schreiben, liest sich wie ein schlechtes Kästner-Imitat, und ich schrecke auch nicht vor Grausamkeiten zurück, wie „Wort“ auf „Vorort“ zu reimen. Ich kenne Leute, die würden mich dafür in der Alster versenken, mit einem Stein an dem Füßen und den gesammelten Werken Heines als Grabbeigabe.

Dennoch wollte ich es seit längerem wieder einmal versuchen, und jetzt habe ich es getan, also fängt das neue Jahr auf diesem meinem Blog nicht mit einer Rede oder einer Geschichte an, sondern mit einem Gedicht.

Und wie das meiste hier entstand dieses Gedicht aus einem ganz bestimmten Anlaß: Dieses Gedicht ist für das süßeste Pärchen 2018, @verschwendemeinejugend und @thegirlwiththemost.cake

verschwendemeinejugend

Wieder hör ich Leute sprechen:
»Dies und jenes ist nicht recht!«
Und wenn ich sie so reden höre
denk ich: »Leute, euch geht’s schlecht.«

Ihr habt wirklich keine Ahnung
Wie sich ein schönes Leben lebt.
Und weil Ihr keine Ahnung habt,
Will ich Euch sagen wie es geht:

Diese zwei, die Ihr verachtet:
Zärtlich Arm in Arm geschmiegt,
Mit grellbunt gefärbten Haaren,
Die zwei wissen, wie man liebt.

Zärtlich fliegen sanfte Worte
Liebevoll von Mund zu Mund
Und so mancher Kuß sie bindet
Fester als Gesellschaftsbund.

Diese zwei könnten euch lehren
Was es heißt, geliebt zu sein!
Ihr wollt nicht auf Freigeister hören;
Denn Eure Geister sind zu klein!

»Seht! Sie stehlen Straßenschilder
Schmier’n Wände mit Graffiti voll!
Solche sollen uns nichts lehren!
Solche sind uns viel zu toll!«

Leute, habt Ihr keine Herzen?
In eurer Biedermeierwelt
Kann es keine Freuden geben
Nur euch selbst und Staat und Geld.

Wenn ich die zwei so zärtlich sehe
Wünschte ich, ich hätte auch
Einen Menschen, der mich so sehr
Liebt. Ein Wunsch wie Schall und Rauch.

Originaltext: https://tefkabh.blackblogs.org/wp-content/uploads/sites/737/2019/01/verschwendemeinejugend.pdf

Alle Jahre wieder

Eine kleine Nachdenkerei zum Jahresende

Hast Du Dir auch was vorgenommen für 2019? Was gutes gar?
Wahrlich, ich sage Dir: gut Ding will Eile haben, und zwar Eile, wieder in den tiefsten Tiefen des Vergessens zu verschwinden. Man kann sich vornehmen, was man will, Tage, vielleicht auch Wochen nach dem 01. Januar a. d. 2019 wird das Geschichte sein, was man sich vornahm.
Und doch hat dieser Jahreswechsel, dieses Vorrücken des Sekundenzeigers und somit auch der Datumsanzeige der eigenen Armbanduhr (so man denn überhaupt noch eine hat, wie ich, der ich mir zu bequem bin, jedes Mal das Handy aus der Tasche zu ziehen, um die Zeit zu erfahren) um zwei Stelle, also vom 31. Dezember 2018, 23 Uhr 59 und 59 Sekunden auf den 01. Januar 2019, 00 Uhr 0 Minuten und 1 Sekunde, etwas magisches an sich.
Für mich beginnt damit dasjenige Jahr, in dem ich voraussichtlich die Stätte meiner Geburt verlassen werde und hinausziehen in die weite Welt. Also von Erding, Oberbayern, nach Passau, Niederbayern. Nur Magellan reiste noch weiter!
Für mich endet auch ein Jahr der Enttäuschungen. Noch habe ich Hoffnung, daß 2019 besser werde, aber tief in meinem Hirn weiß ich doch: auch 2019 wird seine Enttäuschungen haben.
Man lebt ja schließlich nicht in einer Komödie, das Leben endet mit dem Tod, da erkennt der*die Kenner*in antiker Dramen schon: Aha, Tragödie!
Und in einer solchen wird nicht oft gelacht.
Soeben schreibe ich diese Zeilen, da schickt mir ein guter Freund ein Bildchen via WhatsApp, worauf geschrieben steht: »Keiner von uns kommt hier lebend raus. Also hört auf, Euch wie ein Andenken zu behandeln. Esst lecker Essen. Spaziert in der Sonne. Springt ins Meer. Sagt die Wahrheit und tragt Euer Herz auf der Zunge. Seid albern. Seid freundlich. Seid komisch. Für nichts anderes ist Zeit. Gez.: Anthony Hopkins«
Mein Großvater würde jetzt aufspringen, »Halleluja!« schreien und glauben, der HERR hätte ihm ein Zeichen gesandt, daß alles besser würde.
Aber ich glaube an den Zufall, und an unverbesserliche Optimisten, aber hey-ho – jede*r hat so seine Macken, und wer weiß denn, wie das kommende Jahr wirklich wird.
Vielleicht ist es Zeit, einen der Kerngedanken linker Theorie auch hierauf anzuwenden und alle Vorurteile über Bord zu werfen – die Fische mögen sie fressen! – und einfach abzuwarten, was das Jahr denn so bringt.
Lasst uns in diesem Sinne also fröhlich sein und 2019 so nehmen, wie es kommt: mit all seinen Macken und Mäkeln, mit allen Enttäuschungen und schönen Überraschungen, lasst uns Hoffe, aber nicht zu sehr, und lasst und Angst haben, aber nicht zu viel.
Und wenn dann am 31. Dezember 2019 alle gebannt auf 2020 warten, lasst uns zurückblicken und sagen können: »War schon ’n geiles Jahr, no matter what!«
Das wäre ein guter Vorsatz, an den man sich getrost halten kann.

Für eine Freundin: In juventutem

Dieser Beitrag stellt einen Antwortkommentar auf „Haben junge Menschen überhaupt eine Stimme?“ von Sarah B. dar. Vor dem Lesen ist daher der Konsum des kommentierten Kommentars zumindest anzuraten, wenn nicht sinnvoll: https://ichhabekeinenplan.de/index.php/2018/09/07/haben-junge-menschen-ueberhaupt-eine-stimme/

Quelle: Free Photos/9111 Bilder auf Pixabay

Liebe Sarah,
ich kann, und ich denke, ich spreche hier für viele Leute, ohne zu lügen sagen, daß du mir aus der Seele sprichst.
›Die Jugend‹ ist unpolitisch, Abhängig von einer digitalen Welt, von der es keine Karten gibt, ist verblödet und kennt weder Manieren noch Anstand. So sagen sie.
Es ist keine Lüge: die Jugend ist unpolitisch, aber auf eine Art und Weise, die durch und durch faszinierend ist: sie sind anders unpolitisch als ihre Eltern.
Die Elterngeneration klagt, wenn sie des abends die Tagesschau sieht, ob der zahllosen Übel, die in der Welt sind. Sie verfluchen ›die Eliten‹, ›die Globalisten‹, ›die Parteien‹ oder schlicht ›Gott‹ und fragen: »Mein Herr, mein Herr, warum hast du mich verlassen?«
Sie könnten freilich etwas ändern, aber sie tun es nicht.
1968 ist die Jugend auf die Straße gegangen, war politisch sehr, sehr aktiv, und das war ihren Eltern nicht recht.
2018 (ergo 50 Jahre später) geht die Jugend ins Internet und unterstützt dort Kampagnen. Das ist ihren Eltern (die bloß mosern und nichts tun) auch nicht recht.
Ohne es genau zu wissen wage ich zu sagen, daß eine Mischung aus beidem das Optimum wäre, also auf die Straße gehen (was sichtbare Öffentlichkeit generiert) und im Internet mobilisieren (was Unterschriften und große Aktenberge generiert, die man den Regierenden über den Kürbis ziehen kann).
Außerdem ist ›die Jugend‹ nicht in Parteien organisiert (Freaks wie mich mal außer Acht gelassen), sie widmet das flüchtige Gut Aufmerksamkeit nur den wichtigsten Topoi, denen, die ihre Lebensrealität tatsächlich betreffen, und das ist ein Problem.
Flüchtlinge, die im Mittelmeer ertrinken, betreffen nicht die direkte Lebensrealität.
Wann hast du, Jugendliche*r, zuletzt aktiv was für sie getan?
Hm?
Aber gegen den Paragraphen 131wird mobil gemacht, als gelte es, das Vierte Reich zu verhindern.
Das ist also eine Baustelle, an der es noch viel zu machen gilt.
Abhängig vom digitalen, auch das ist ›die Jugend‹ ohne jeden Zweifel. Wenn es schon als ein herausragendes Experiment angesehen wird, einen Monat ohne Smartphone zuzubringen, vergleichbar nur mit der Everestbesteigung ohne Sauerstoffflaschen, dann kann und darf auch von einem Abhängigkeitsverhältnis gesprochen werden.
Innovation per se ist dabei keinesfalls das Problem, im Gegenteil. Doch wie diese Innovation genutzt wird ist dafür umso problematischer. Es gilt, das Smartphone nicht mehr als Freund und Helferlein zu betrachten, als so dermaßen emotional belasteten Gegenstand, daß Teens (Achte Klasse, um ein Beispiel zu nennen) hysterische Zustände kriegen, nimmt man es ihnen. Wie alle andere Technik auch ist es ein Werkzeug, zugegebenermaßen ein äußerst nützliches aber dennoch ein Werkzeug, und wenn man mal darauf verzichten muß: meine Güte, es geht auch ohne. Na und?
Alternativ zu Online-Videoplattformen (deren Namen ich nicht etwa nicht nenne, weil ich sie nicht kennen würde, ich will einfach keine Werbung für sie treiben) kann man auch ruhig mal fernsehen (ja, da kommt viel Schrott, aber auch einiges, was man sich anschauen kann, ohne davon exponentiell zu verdummen) oder gar ein Buch lesen.
Die Leserschaft stand geschlossen von ihren Bildschirmen auf, schrie »Faschist!« und setzte sich wieder.
Nein, mal ehrlich, es soll auch Bücher geben, die sehr unterhaltsam zu lesen sind, ob ihr es glaubt oder nicht. Zum Beispiel… meine Bücher! Muhahahaha! (Bitte vielmals um verzeihung, das mußte jetzt einfach sein 😉 )
Der nächste Anklagepunkt: ›Die Jugend‹ ist dümmer als früher.
Hier halte ich es ganz mit Dieter Nuhr (oder war es Hagen Rether?) der sagte, die Leute würde nicht dümmer, es würde nur alles komplizierter. Oder welcher Erwachsene weiß denn bitte, wie man eine kaputte Impress-Präsentation auf die Vorgängerversion zurücksetzt, um doch noch sein Referat halten zu können?
Dumm, nicht wahr?
Manieren und Anstand ließe die Jugend vermissen, das ist wahr, aber ich begrüße es umso mehr. Unseren Eltern (und mir auch noch) sagte man: »Ehrt die Alten!« Denn sie sind in Polen eingefallen.
Oder warum?
Ich sehe keinen rationalen Grund, jemandem Ehrerbietung zu erweisen, der es sich in meinen Augen nicht verdient hat. Natürlich bin auch ich von Zeit zu Zeit so frei und halte Menschen die Tür auf, aber doch nicht, weil irgendeine ominöse gesellschaftliche Verpflichtung mich dazu zwingt, wo leben wir denn?
Es ist also, um noch einmal alles zusammenzufassen, so, daß die kommende Generation sehr wohl etwas kann und weiß, nur vielleicht nicht mehr das, was sie in den Augen ihrer Erzieher können und wissen soll. Daraus ergeben sich selbstverständlich Reibungen, auch, weil manche Vorwürfe durchaus ihre Berechtigung haben.
Doch möge ein*e jede*r hier selbst urteilen, wer im Recht ist, wenn überhaupt.

Noch zwei abschließende Anmerkungen:

Nummer eins:
Akzeptanz und Demokratie? Unbedingt! Eigentlich sollte mensch ja davon ausgehen können, daß so etwas in unseren ach-so-aufgeklärten Zeiten selbstverständlich ist, aber leider ist dem nicht so. Motzbakken [sic], seien es Stalin-Kultisten oder Nazis, »Absaufen«-Skandierer oder Weihnachstmarkt-in-den-Orbit-Sprenger, versuchen mit immer größerem Erfolg, die Demokratie schlechtzureden und sich einen Führer herbeizusehnen. Es gilt, diesen Leuten so gut wir es können, den Tag zu versauen und ihnen zu zeigen, daß wir sehr wohl tolerant sind – aber nicht ihnen gegenüber, die sie sich als Menschen erster und alle anderen solche zweiter Klasse sehen.

Nummer zwei:
In einem Punkt muß ich dir dann doch Paroli bieten. Es gibt wenig, was mich stante pede auf die Palme bringen kann, aber diese ständige Distanzierung tut es, Mal zu Mal erfolgreicher. Du schreibst, das dieser Text geprägt ist von eigener Meinung. Ich las dies und dachte: ›Hoppla! Was wird mich da nur erwarten?‹ Um ehrlich zu sein, ich erwartete eine Tirade von biblischen Ausmaßen, die so streitbar wie polemisch wäre. Aber wenn du schreibst, das es gilt, sich mehr für Demokratie und Menschenrechte einzusetzen, ist es freilich nicht nötig, andere vorzuwarnen, finde ich. In dieser Hinsicht etwas falsch verstanden zu haben ist auch schwerlich möglich, denke ich.
Natürlich ist verständlich, wenn du dich abzusichern gedenkst, aber ich persönlich finde, daß dadurch der Text etwas von seiner Akkuratesse, von seiner Dringlichkeit verliert.
Doch dies ist bloß meine Meinung, eine unter vielen, und, wie viele nicht müde werden mir zu versichern, zumal nicht die Richtige.

Winterlong

»Winterlong« ist der Titel eines Songs der Bostoner Independent-Band Pixies von deren Album Wave of Mutilation.

SCENE. EXT. CA 15:30 UHR
Ein kleiner Park in der Stadt. Kaltfeuchter Schnee. Mehrere Leute, scheinbar auf der Suche nach Zerstreuung. Ein paar tobende Kinder.

Angst speist sich aus einer einzigen Quelle, wie ein großer Fluss, egal wie viele Nebenarme er hat. Sie entspringt dem Unwissen. Die Menschen fürchten das Dunkel, weil sie nicht wissen, was um sie herum geschieht. Sie fürchten die Asylanten, weil sie nicht wissen, daß auch sie nur Menschen sind. Sie fürchten um ihr Geld und Habe, weil sie nicht wissen, dass Geld und Gut allein nicht glücklich machen können.

Und ich fürchte um René, weil ich nicht weiß, wie es ihr geht. Hier sitze ich also, auf einer feuchtkalten Parkbank, starre auf das Display meines ausgeschalteten Handys und mache mir Sogen.
Es ist der 30te Dezember. Seit einer Woche habe ich nichts, absolut gar nichts von ihr gehört. Wenn ich auf unsere Unterhaltung bei Jabber klicke sehe ich: René zuletzt online 23. 12. um 16:21 Uhr
Meine letzte Nachricht an sie ist datiert auf den 29ten: ›Bitte melde dich! Langsam mach ich mir echt Sorgen…‹
Klingt bescheuert, ist aber die Wahrheit, und warum soll ich was Falsches schreiben?
Irgendwann, ich weiß nicht, wie lange ich schon hier sitze, stecke ich das Handy wieder in meine Jackentasche und hole stattdessen ihr Geschenk aus dem obligatorischen Jutebeutel: eine signierte Ausgabe von H. L. Gremlizas Haupt- und Nebensätze, in die sie vorne reingeschrieben hat: Kluge Worte gegen Konsum und Nazis, damit du immer eine bissige Antwort parat hast 😉 Deine René (auch wenn die Possesivform hier vielleicht nicht angebracht ist ;P)
Ein Schelm, zweifelsohne.
Ich blättere das Büchlein auf und fange an zu lesen, kann mich aber nicht konzentrieren. Immer wieder driften meine Gedanken ab, kreiseln ein wenig ziellos, dann treiben sie auf das Thema zu, das zentral in meinem Gehirn steht, ganz egal, wo ich bin und woran ich denke.
Ich habe ihr ein Notizbuch geschenkt, in das ich schon ein paar Fotos von uns beiden, ein paar Texte und schlaue Sprüche, Erinnerungen und so was halt eingetragen habe, sozusagen eine kleine Sammlung schöner gemeinsamer Momente, die wir gemeinsam fortführen können. Ganz hinten hab ich ein paar selbstgebastelte Gutscheine versteckt, für einen gemeinsamen Abend an der Isar, mal zusammen weggehen…
Ich hoffe, es gefällt ihr.

Nach Einbruch der Dämmerung weitergezogen, bin in einer Kneipe hängen geblieben, nur auf ein Bier, dann wurden zwei daraus, drei… Verdammt, wie viele hatte ich? Weiß es nicht mehr. Kann nicht mehr zählen. Froh, wenn ich geradeaus laufen kann.
Da ist der Park, von heute Nachmittag. Elf jetzt. Verdammt spät. Bin müde. Die Bank sieht einladend aus. Ist genau die gleiche, auf der ich schon am Nachmittag gesessen bin. Gähne. Lege mich kurz hin, nur eine kurze Pause…
Zu kalt. Muß weiter.
Eine dröge U-Bahn-Fahrt, die ich dösend oder halb komatös am Fenster lehnend verbracht habe, später tapere ich die Treppen hoch, den Flur entlang und bemühe mich, unserer Wohnungstür so leise wie möglich aufzuschließen. Leise wie ein Ninja schleiche ich mich durch den Flur, in mein Zimmer, trete mir die Schuhe von den Füßen und lege mich aufs Bett. Betrachte ein Foto von René, das auf meinem Nachtkästchen steht. Sie sieht so hübsch aus…

Ich wache auf. Es ist dunkel. Es ist kalt.
Der Wecker zeigt vier Uhr früh an. Ich klettere aus dem Bett, ziehe mich aus und dann einen Schlafanzug an und lege mich wieder hin.
Wenn sie nicht bald zurückkommt, überlege ich, gehe ich noch kaputt, so sehr vermisse ich sie.

Originaltext: https://tefkabh.blackblogs.org/wp-content/uploads/sites/737/2018/12/Winterlong.pdf

Der Umtausch

SCENE. INT. CA 10 UHR.
Die Servicekasse eines Kaufhauses. Eine Verkäuferin. Einige Kund*innen, damit beschäftigt, die Regale zu durchstöbern.

Es ist eine nervige Sache, wenn man zu Weihnachten, obwohl man sich eigentlich nichts gewünscht hat, etwas bekommt.
Noch wesentlich nerviger ist es aber, wenn man – geschuldet der eigenen Wunschlosigkeit – von mehreren Menschen, die alle dieselbe ›gute Idee‹ hatten, dasselbe Geschenk bekommt.

Aus ebenjenem Grund stehe ich hier im Kaufhaus im Zentrum des Finsteren Herzens Des Konsums in dieser Stadt und warte darauf, daß die Verkäuferin mit mir redet. Als sie schließlich fertig ist mit telefonieren wendet sie sich mir zu, knipst ein gewinnendes Lächeln an wie andere Menschen eine Glühbirne anknipsen und fragt: »Hallo! Wie kann ich Ihnen helfen?«
»Hallo. Hören Sie, ich habe zu Weihnachten diese Kopfhörer bekommen, das aber leider nicht nur ein- sondern gleich zweimal.«
»Meine Güte! Wie ist es denn dazu gekommen?«, fragt sie.
Interesse zu heucheln ist nur eine weitere Strategie, die Kunden in guter, ergo Kauflaune zu halten.
»Ich hatte mir nichts gewünscht. Das war dann das Resultat.«, sage ich knapp.
»Ah ja, verstehe.«, sagt sie, klingt aber nicht so, als verstünde sie wirklich.
Pause.
»Ich würde den zweiten Satz Kopfhörer gern umtauschen. Leider habe ich keine vier Ohren, von daher kann ich die einfach nicht brauchen.«
Die Frau lacht künstlich. »Ja, das verstehe ich. Haben Sie die Ware dabei?«
»Natürlich.«, sage ich und ziehe die originalverpackten Kopfhörer aus dem Rucksack.
Akribisch genau untersucht die Verkäuferin das Paket auf mögliche Beschädigungen, befindet es schließlich für heil und stellt es behutsam vor sich auf den Tresen.
»Also, ich kann Ihnen entweder ein anderes Produkt aus unserem Sortiment anbieten oder einen Gutschein…«
»Was? Wieso das denn?«, echauffiere ich mich.
»Naja, immerhin haben Sie umtauschen gesagt…«
»Wortklauberei! Ich meine damit, dass ich Ihnen die Kopfhörer geben und Sie mir das Geld dafür. Umtausch gegen Geld. Stornierung. Nennen Sie’s, wie Sie wollen.«
»Ach so, ja.«, sagt die Frau. »Dann müssen Sie noch kurz warten, das kann nur die Chefin machen.«
Nichts passiert.
»Dann warte ich eben.«, sage ich.
Die Verkäuferin eilt davon, ihre Herrin zu holen.
So lange stehe ich da, gucke blöd und denke an René. Was sie wohl gerade macht? Ob sie sich über mein Weihnachtsgeschenk gefreut hat? Wir haben zuletzt am Tag vor Heiligabend geschrieben, sie meinte, der W-LAN-Router würde wieder mal zicken machen und der Handwerker, der das reparieren soll, hat erst wieder nach den Weihnachtstagen Zeit, also können wir an Weihnachten nicht schreiben. Heute haben wir den 29ten, und langsam mache ich mir Sorgen. Wahrscheinlich total unberechtigt, denn was soll schon passiert sein, aber ich habe René in den letzten Tagen weder per Jabber noch per SMS oder Handyanruf erreicht. Aus reiner Paranoia bin ich die Lokalnachrichten für Torbay durchgegangen, ob irgendwas passiert ist, aber zum Glück weiß auch der Torquay Courier, dass alles in Butter ist.
»Sie wollen was stornieren?«, fragt mich eine ältere Frau mit dem stereotypen Brillenband einer Chefverkäuferin.
»Ja. Das will ich.«, sage ich und wippe auf den Schuhabsätzen auf und ab.
»Gut.«, sagt sie und unterzieht die Ware einer ebenso gründlichen Musterung wie ihre Kollegin vorhin.
Als auch sie keine Schäden oder Mäkel finden kann hackt sie irgendwas in ihre Registrierkasse ein, druckt drei Belege aus, lässt mich einen davon unterschreiben und händigt mir dann 49 Euro und 98 Cent aus.
»Daan-ke.«, sage ich gedehnt und verstaue erst das Geld im Geldbeutel und anschließend den Geld- im Jutebeutel.
Dann verlasse ich so schnell ich kann das Kaufhaus, stehe sekundenlang davor im Schneefall einer anonymen Straßenschlucht und sehe mich um.
Um mich herum hasten Leute, die ebenfalls gezwungen waren zu erkennen, dass man ihnen entweder Mist oder etwas doppelt geschenkt hat.
Es wäre so viel einfacher, würde die Mischpoke akzeptieren, dass ich, wenn ich sage, ich will nichts, tatsächlich nichts will, und nicht in blindem Konsumrausch meinen, sie täten mir etwas Gutes, wenn sie mir doch etwas schenken.
Sie tun es nicht.

Originaltext: https://tefkabh.blackblogs.org/wp-content/uploads/sites/737/2018/12/Der-Umtausch.pdf